Das Wichtigste in Kürze
  • Das Multanova VR 6F misst nach dem Doppler-Radar-Prinzip im hochfrequenten Gigahertz-Bereich (34,3 GHz).
  • Der kritische Messwinkel: Der Radarstrahl ist fest auf einen Sollwinkel von 22 Grad zur Fahrbahn ausgerichtet. Jede Abweichung (Schrägstellung des Geräts oder Spurwechsel des Fahrzeugs) führt zu verfälschten Messwerten.
  • Pflicht zum aufmerksamen Messbetrieb: Das Messpersonal muss den Messbetrieb und das Umfeld laufend aktiv beobachten, um Reflexionsquellen zu erkennen.
  • Strenge Bildviertel-Regel: Die Zuordnung des Messwerts ist nur haltbar, wenn sich das Fahrzeug exakt in den vorgeschriebenen Bildvierteln des Beweisfotos befindet.
  • Das obligatorische Testfoto: Bei jeder Inbetriebnahme und nach jedem Standortwechsel muss zwingend ein Testfoto zur Dokumentation der korrekten Ausrichtung ausgelöst werden.

Wie funktioniert das Multanova 6F technisch?

Das Verkehrsradargerät Multanova 6F arbeitet auf Basis des physikalischen Doppler-Effekts bei elektromagnetischen Mikrowellen.

Sensorik und Messbasis

Die Radarantenne fungiert gleichzeitig als Sender und Empfänger:

  • Elektromagnetische Schwingung: Im Sender wird eine konstante elektromagnetische Schwingung im hochfrequenten Bereich von 34,3 GHz erzeugt und über die Antenne gebündelt in den Verkehrsraum abgestrahlt.
  • Der Abstrahlwinkel: Der Strahlwinkel (Mitte des Radarstrahls) ist fest auf einen Kompensationswinkel von 22 Grad horizontal zur Fahrbahnlängsachse justiert.
  • Relative Geschwindigkeitsmessung: Das Gerät ermittelt beim Durchfahren des Radarstrahls zunächst nur die relative Geschwindigkeit als Abstandsveränderung des Fahrzeugs zur Radarsonde. Der geräteinterne Rechner ermittelt anschließend unter Berücksichtigung des festen 22-Grad-Winkels die tatsächliche Geschwindigkeit.

Der Messablauf

Der Radarstrahl trifft auf das durch die Messstelle fahrende Fahrzeug und wird reflektiert. Durch die Bewegung des Fahrzeugs verändert sich die Frequenz der reflektierten Strahlung (Doppler-Effekt). Aus dieser Frequenzverschiebung berechnet das Gerät die Geschwindigkeit. Da der interne Rechner fest mit einem Sollwinkel von 22 Grad kalkuliert, muss das Gerät exakt parallel zur Fahrbahn ausgerichtet sein.

Technische Leistungsdaten

  • Messbereich: von 25 km/h bis 250 km/h.
  • Verkehrsfehlergrenzen: 3 km/h bei Geschwindigkeiten bis 100 km/h und 3 Prozent (unter Aufrundung auf den nächsten ganzzahligen Wert) bei Geschwindigkeiten über 100 km/h.

Welche Fehlerquellen machen die Multanova-6F-Messung angreifbar?

Obwohl das Gerät seit Jahrzehnten im Einsatz ist, bietet es aufgrund seiner analogen Radartechnik erhebliche Angriffsflächen. Die fünf wichtigsten Ansatzpunkte:

1. Winkelfehler durch Schrägfahrt (Cosinus-Effekt)

Da der interne Rechner fest mit 22 Grad kalkuliert, muss das Gehäuse absolut parallel zum Fahrbahnrand ausgerichtet sein.

  • Das Stativ-Problem: Beim Betrieb auf dem Dreibeinstativ muss die parallele Orientierung über die Visiereinrichtungen auf der Geräteoberseite mittels Peilung entlang der Straße geprüft werden.
  • Das Fahrzeug-Problem: Bei fester Verbauung in einem Mess-Kfz muss das Fahrzeug exakt parallel zur Fahrbahnlängsachse stehen. Da Fahrzeuge vorne und hinten oft unterschiedliche Spurweiten besitzen, führt ein einfaches Ausrichten der Räder an der Fahrbahnlinie zu einer Schrägstellung; dieser Spurweitenunterschied muss manuell kompensiert werden.
  • Die Schrägfahrt (Spurwechsel): Befindet sich das Fahrzeug im Moment der Messung in einer Schrägfahrt (Spurwechsel, Überholmanöver), verringert sich der effektive Messwinkel. Ein kleinerer Winkel führt physikalisch zwingend zu einer zu hohen berechneten Geschwindigkeit. Dies lässt sich über eine fotogrammetrische Auswertung des Fotowinkels kontrollieren.

2. Verletzung des aufmerksamen Messbetriebs

Für das Multanova VR 6F schreibt die PTB zwingend einen aufmerksamen Messbetrieb vor.

  • Pflichten des Messbeamten: Er darf das Gerät nicht unbeaufsichtigt lassen und muss Messvorgang und Verkehrsraum aktiv beobachten, um Fehlerquellen (Knickstrahlreflexionen, mehrere Fahrzeuge gleichzeitig) sofort zu erkennen und zu dokumentieren.
  • Prozessuale Relevanz: Kann der Messbeamte in der Hauptverhandlung nicht erklären, was der aufmerksame Messbetrieb beinhaltet oder welche Überwachungspflichten er hatte, ist die Verwertbarkeit der Messung erschüttert.

3. Knickstrahlreflexionen und ungeeignete Messplätze

Das Multanova VR 6F arbeitet mit sehr hoher Sendefrequenz und ist anfällig für Fehlreflexionen an metallischen oder betonartigen Gegenständen.

  • Ungeeignete Messorte: Die Gebrauchsanweisung untersagt Messungen in der Nähe von Brücken oder Bauten mit metallischen Konstruktionselementen, deren Flächen senkrecht aufeinander stehen (Winkel- oder T-Träger).
  • Große Verkehrsschilder: Ungeeignet sind auch Messplätze mit großen Verkehrsschildern in Sichtweite, da Knickstrahlreflexionen dem Gerät ein falsches Fahrzeug signalisieren können.
  • Freiraum vor der Antenne: Vor der Antenne muss parallel zum Fahrbahnrand ein Raum von mindestens 4 Metern frei von Hindernissen (Büschen, hohen Gräsern) bleiben. Der Aufbau gegenüber Reflektoren wie Garagentoren oder Metalltafeln ist unzulässig.

4. Strenge Auswertekriterien nach Bildvierteln

Die Gebrauchsanweisung macht präzise Vorgaben, wo sich das Fahrzeug auf dem Beweisfoto befinden muss:

  • Ankommender Verkehr: Das Fahrzeug muss sich zumindest teilweise im dritten Bildviertel (in Fahrtrichtung) befinden und darf diesen Bereich noch nicht vollständig verlassen haben. Im gesamten Auswertebereich darf sich kein anderes Fahrzeug der gleichen Fahrtrichtung befinden.
  • Abfließender Verkehr: Hier muss sich das Fahrzeug im zweiten Bildviertel befinden; im ersten und zweiten Bildviertel darf sich kein weiteres Fahrzeug der gleichen Fahrtrichtung befinden.
  • Sonderregel 120-mm-Objektiv: Bei Verwendung des Teleobjektivs mit 120 mm Brennweite darf sich überhaupt kein weiteres Fahrzeug der gleichen Fahrtrichtung im Bild befinden.

5. Das obligatorische Testfoto

Bei jeder Inbetriebnahme und nach jedem Standortwechsel muss zwingend ein Testfoto ausgelöst werden. Es dokumentiert Messplatz und korrekte fahrbahnparallele Ausrichtung. Fehlt das Testfoto in den Messunterlagen, ist die Einhaltung der Aufstellvorschriften nicht nachweisbar.

Prozessuale Besonderheit: Schulungsnachweis für Auswertebeamte

Ein häufig übersehener, aber rechtlich durchschlagender Angriffspunkt betrifft die Qualifikation des Personals. Nach den verbindlichen Vorgaben der PTB ist für den Betrieb des Multanova 6F ein gültiger Schulungsnachweis nicht nur für den aufstellenden Messbeamten vor Ort, sondern ausdrücklich auch für den Auswertebeamten erforderlich, der die Bilddaten in der Bußgeldstelle filtert und freigibt. Fehlt dieser Nachweis in der Akte, ist die ordnungsgemäße Auswertung nach den Richtlinien des standardisierten Messverfahrens nicht gewährleistet.

Checkliste: Das prüfen wir bei der Akteneinsicht

  1. Das Testfoto: Ist für den konkreten Messtag und Standort ein gültiges Testfoto in der Akte vorhanden?
  2. Die Bildviertel-Analyse: Befindet sich das Fahrzeug exakt im vorgeschriebenen Bildviertel (3. Viertel bei ankommendem, 2. Viertel bei abfließendem Verkehr)?
  3. Mehrfachbelegung: Befindet sich ein weiteres Fahrzeug der gleichen Fahrtrichtung im relevanten Auswertebereich?
  4. Messort-Eignung: Gibt es Leitplanken, Brücken, T-Träger oder große Schilder, die Knickstrahlreflexionen verursachen können? Ist der 4-Meter-Freiraum vor der Antenne eingehalten?
  5. Schulungsnachweise: Liegt ein gültiger Schulungsnachweis für den Messbeamten und insbesondere für den Auswertebeamten vor?

Häufige Fragen zum Multanova 6F

Ist Multanova 6F ein standardisiertes Messverfahren?

Ja, die Geräteserie ist grundsätzlich als standardisiertes Messverfahren anerkannt. Das entbindet das Gericht jedoch nicht von der Pflicht, konkreten Zweifeln nachzugehen, wenn die Verteidigung Abweichungen von der Gebrauchsanweisung dargelegt hat.

Was bedeutet aufmerksamer Messbetrieb?

Der Messbeamte muss die Messung aktiv überwachen und darf sich nicht vom Gerät entfernen. Er muss das Umfeld beobachten, um Reflexionen oder unklare Verkehrssituationen (z. B. parallele Fahrzeuge) sofort zu erkennen und zu dokumentieren.

Wann ist eine Multanova-Messung fehlerhaft?

Typische Fehlerquellen sind eine fehlerhafte Positionierung des Fahrzeugs im Bildviertel, mehrere Fahrzeuge im Auswerterahmen, ein falscher Aufstellwinkel (Winkelfehler durch Schrägfahrt), ein fehlendes Testfoto sowie die Missachtung des aufmerksamen Messbetriebs.

Warum sind Schulungsnachweise so wichtig?

Die Gebrauchsanweisung schreibt vor, dass das System nur von geschultem Personal bedient und ausgewertet werden darf. Fehlt der Schulungsnachweis des Auswertebeamten in der Akte, ist die Verwertbarkeit der Messung angreifbar.

Kann in Kurven gemessen werden?

Messungen in Kurven sind hochgradig fehleranfällig, da sich der Messwinkel von 22 Grad kontinuierlich verändert. An Außenkurven darf grundsätzlich gar nicht gemessen werden.

Geblitzt mit Multanova 6F? Messung prüfen lassen

Wenn in Ihrem Bußgeldbescheid eine Messung mit einem Multanova-VR-6F-Gerät auftaucht, lohnt sich die detaillierte Prüfung von Messprotokoll und Falldatei.

Rechtsanwalt Dennis Engels, Fachanwalt für Verkehrsrecht
Dennis Engels
Rechtsanwalt, Fachanwalt für Verkehrsrecht

Schwerpunkte: Bußgeldverfahren, Geschwindigkeitsmessungen, Führerschein- und Fahrverbotsrecht. Bundesweit tätig, Kanzlei Düsseldorf.

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Hinweis zur BRAO: Dieser Beitrag dient ausschließlich der sachlichen Information über die aktuelle Rechtslage und stellt keine Rechtsberatung im Einzelfall dar.

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